Aufstieg und plötzliches Aus der Kaliförderung
Mit dem Teufen des Schachtes Wilhelmshall I beginnt die Blütezeit der Kali-Gewinnung im Huy. Bereits im Juni 1926 erfolgt die endgültige Stilllegung der Schächte Wilhelmshall I, Wilhelmshall II und Dingelstedt. Die Ära des Bergbaus endet abrupt.
Vom Ende des Bergbaus führt der Weg durch dunkle Kapitel: Die Übernahme durch die Deutsche Wehrmacht (Heeresmunitionsamt „Bolchenfabrik“), NS-Zwangsarbeit, der Internierungsort und die Katastrophe von 1944. Nach Kriegsende 1945 folgen die Übernahme durch die Rote Armee, der massive Demontage- und Güterabtransport sowie die spätere Umstrickung des Geländes zur TBC-Heilstätte und Nervenklinik.
Der Irrweg der Flutung & Ende der Bahnära
Nach Versuchen der DDR-Hauptverwaltung Kali, die Förderung neu zu bewerten, wird beschlossen, die Schachtanlagen endgültig aufzugeben. Es folgt die scheinbare Verwahrung durch Flutung des Grubengebäudes – eine Maßnahme, die das Grundproblem unter Tage über Jahrzehnte nur kaschiert. Im Zuge des Rückbaus und des Abbruchs der Fördertürme wird 1963 auch die historische Zuganbindung (Grubenanschlussbahn) endgültig stillgelegt.
Wende-Zwischennutzung & Underground-Techno
Nach der Wende dient das Areal zunächst als Zwischenlager für West-Möbelüberschüsse. In den Folgejahren etabliert sich Wilhelmshall als fester Ort der Subkultur: Mehrere Jahre lang finden hier legendäre Underground-Deep-Techno-Veranstaltungen statt, die in den Jahren 2005 bis 2011 ihren Höhepunkt und Ausklang finden.
Das Scheitern der Flutung: Die „trockene“ Verwahrung beginnt
Am 06.08.2012 muss am „Schacht Elisabeth“ neu angesetzt werden. Nach 44 Jahren zeigt sich: Die Flutung hat das Salz unter Tage lediglich weiter verflüssigt. Das Altbergbaurelikt wird auf trockene Verwahrung umgestellt. Rund 1.600 Lkw-Ladungen (ca. 64.000 Tonnen Kies) werden in die Hohlräume eingebracht.
Abschluss der Schachtsicherung
Am 30.01.2013 krönt eine massive Sechskant-Betonplatte mit Bronzetafel den ersten Schachteingang. Von den einst eingebrachten Wassermengen ist so gut wie nichts geblieben. Knappe 40 m³ aufgestiegene Lauge werden in den Schacht Dingelstedt umgeladen, dessen Verwahrung als nächstes folgt.
Geschichte verstehen – Gegenwart gestalten
Wer Wilhelmshall heute nur als verlassene Industruieruine darstellt, übersieht die Transformation. Die Sanierung der historischen Klinker- und Ziegelfassaden erfordert handwerkliche Präzision und Respekt vor der Bausubstanz – genauso wie das Leben vor Ort Haltung erfordert.
Wilhelmshall Heute: Keine Kulisse, sondern Realität
Heute ist Wilhelmshall eine statutierte Museumssiedlung und ein aktiver Wirtschafts- und Lebensraum im Huy:
Lebendige Gemeinschaft
20 Einwohner in 7 Haushalten, darunter 6 Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren. Ein Ort mit Zukunft statt nostalgischem Abgesang.
Wirtschaft & Innovation
Seit über 16 Jahren Standort von foest.eu sowie Sitz moderner Solar-Technologie InproSolar UG – zukunftsorientiertes Gewerbe auf historischem Grund.
Bauen im Bestand
Sanierung und Erhalt der historischen Substanz in Eigenregie und mit Fachhandwerk – abseits von billigen Überkleb-Lösungen.