Wilhelmshall im Huy

Es grüne die Tanne, es wachse das Salz, Gott erhalts!


Stacks Image 5
100 Jahre Stilllegung Wilhelmshall | Die echte Geschichte
100 JAHRE STILLLEGUNG (1927 – 2027)

Wilhelmshall: Geschichte ohne Filter

Vom Kali-Boom über die NS-Zwangsarbeit, den Internierungsort, die Frauen-Nervenklinik und Tuberkulose-Heilstätte sowie verfehlte Verwahrungsversuche bis hin zur heutigen Realität einer lebendigen, statuierten Museumssiedlung.

Während Lokalmedien die Geschichte von Wilhelmshall oft auf romantisierte Anekdoten und lückenhafte Chroniken reduzieren, zeigt die historische Realität ein völlig anderes Bild. 100 Jahre nach der Schließung blicken wir auf die ungeschönte Historie und den Weg in die Gegenwart.
1892 – 1927

Aufstieg und plötzliches Aus der Kaliförderung

Mit dem Teufen des Schachtes Wilhelmshall I beginnt die Blütezeit der Kali-Gewinnung im Huy. Bereits im Juni 1926 erfolgt die endgültige Stilllegung der Schächte Wilhelmshall I, Wilhelmshall II und Dingelstedt. Die Ära des Bergbaus endet abrupt.

1927 – 1958
KRIEG, REGIME, BESATZUNGEN & GÜTERABTRANSPORT

Vom Ende des Bergbaus führt der Weg durch dunkle Kapitel: Die Übernahme durch die Deutsche Wehrmacht (Heeresmunitionsamt „Bolchenfabrik“), NS-Zwangsarbeit, der Internierungsort und die Katastrophe von 1944. Nach Kriegsende 1945 folgen die Übernahme durch die Rote Armee, der massive Demontage- und Güterabtransport sowie die spätere Umstrickung des Geländes zur TBC-Heilstätte und Nervenklinik.

1958 – 1978

Der Irrweg der Flutung & Ende der Bahnära

Nach Versuchen der DDR-Hauptverwaltung Kali, die Förderung neu zu bewerten, wird beschlossen, die Schachtanlagen endgültig aufzugeben. Es folgt die scheinbare Verwahrung durch Flutung des Grubengebäudes – eine Maßnahme, die das Grundproblem unter Tage über Jahrzehnte nur kaschiert. Im Zuge des Rückbaus und des Abbruchs der Fördertürme wird 1963 auch die historische Zuganbindung (Grubenanschlussbahn) endgültig stillgelegt.

1990 – 2011

Wende-Zwischennutzung & Underground-Techno

Nach der Wende dient das Areal zunächst als Zwischenlager für West-Möbelüberschüsse. In den Folgejahren etabliert sich Wilhelmshall als fester Ort der Subkultur: Mehrere Jahre lang finden hier legendäre Underground-Deep-Techno-Veranstaltungen statt, die in den Jahren 2005 bis 2011 ihren Höhepunkt und Ausklang finden.

2012

Das Scheitern der Flutung: Die „trockene“ Verwahrung beginnt

Am 06.08.2012 muss am „Schacht Elisabeth“ neu angesetzt werden. Nach 44 Jahren zeigt sich: Die Flutung hat das Salz unter Tage lediglich weiter verflüssigt. Das Altbergbaurelikt wird auf trockene Verwahrung umgestellt. Rund 1.600 Lkw-Ladungen (ca. 64.000 Tonnen Kies) werden in die Hohlräume eingebracht.

2013

Abschluss der Schachtsicherung

Am 30.01.2013 krönt eine massive Sechskant-Betonplatte mit Bronzetafel den ersten Schachteingang. Von den einst eingebrachten Wassermengen ist so gut wie nichts geblieben. Knappe 40 m³ aufgestiegene Lauge werden in den Schacht Dingelstedt umgeladen, dessen Verwahrung als nächstes folgt.

Geschichte verstehen – Gegenwart gestalten

Wer Wilhelmshall heute nur als verlassene Industruieruine darstellt, übersieht die Transformation. Die Sanierung der historischen Klinker- und Ziegelfassaden erfordert handwerkliche Präzision und Respekt vor der Bausubstanz – genauso wie das Leben vor Ort Haltung erfordert.

Wilhelmshall Heute: Keine Kulisse, sondern Realität

Heute ist Wilhelmshall eine statutierte Museumssiedlung und ein aktiver Wirtschafts- und Lebensraum im Huy:

Lebendige Gemeinschaft

20 Einwohner in 7 Haushalten, darunter 6 Kinder im Alter von 3 bis 17 Jahren. Ein Ort mit Zukunft statt nostalgischem Abgesang.

Wirtschaft & Innovation

Seit über 16 Jahren Standort von foest.eu sowie Sitz moderner Solar-Technologie InproSolar UG – zukunftsorientiertes Gewerbe auf historischem Grund.

Bauen im Bestand

Sanierung und Erhalt der historischen Substanz in Eigenregie und mit Fachhandwerk – abseits von billigen Überkleb-Lösungen.